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Österreicher lügen nicht, sie erfinden

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Österreicher lügen nicht, sie erfinden

Beitrag von Neo am 15.11.08 15:24

Der „Steinfest“: unerlässlich für den Umgang mit Österreichern.

Adrenalinscharf habe ich, Piefke im Wahl-Wien, 177 Buchseiten Österreichkunde durchgefiebert, 10.800 Sekunden lang, und, sauer über das Speed-reading-Finish, sofort wieder von vorne angefangen. 3 x. Die 177 Seiten habe ich 7 x verschenkt, allen Nachlesern ging's gleich mir. Immer wieder schlägt der Blitz in den Lesefluss ein, der Blitz von Wörtern, Begriffen, Sätzen, ganzen Passagen und erhellt, blitzschnell!, das Dunkel des gelebten Augenblicks. Erkannt, ertappt, bestätigt, informiert, irritiert, belehrt.

Ich gehe ein paar Nächte lang ins Bett mit diesem Lieblingsbuch. Wann, ja wann war ich das letzte Mal beim Lesen, mit Lesen, durch Lesen und von Lesen so glücklich? Verdammt, um welches Buch geht's endlich!

Psssst! Wird nicht verraten! Den Titel behalte ich für mich. Denn, der bisher ungenannte Autor hat diese 178 Seiten ausschließlich für mich alleine verfasst. Basta! Verrate nur: Ein Ratgeber. Umschlag abwaschbar, Preis 13 Euro 30 – die Seite unter 10 Cent. Mann! Wie billig soll literarische Lebenshilfe auf diesem Niveau noch sein!

Halt! Der gestrenge Redaktor dieses hehren Rezensionsforums missbilligt solche persönliche Geheimhaltungen als albern, privatistisch, dem Dienst am Buche abträglich; gezwungenermaßen gebe ich also den Anlass meiner Begeisterung preis: Austriakischer Autor, in Australien geboren, lebend in Deutschland. Er veröffentlichte diese „Gebrauchsanweisung für Österreich“. Der Mann heißt Steinfest, Vorname Heinrich, bisher aktenkundig als Kriminalliterat.

Typisch österreichisch: Lockt ins Alpenland, warnt aber gleichzeitig in aller Schärfe vor jeglicher Einlassung: „Ständig lädt der Ö. zum Fraternisieren ein, aber schätzt es nicht, wenn man dieser Einladung auch folgt!“ Schon ist der Gast mitten drin im freudschen Psychodrama: „Die Ö. lügen nicht, sie erfinden.“

Nicht gemütlich! Bündig führt der Autor durch sein Austria-ABC. Vom Alkoholkonsum seiner Heimat – an die zehn Trinkertypen macht er dort aus – bis zu den Zeitungslesern, die die Wahl ihres Journals daran entscheiden, welches Papier das Einwickeln welcher Dinge wert: Essen etwa, Süßigkeiten; ein köstliches Kostprobenkapitel von „Schwedenbomben“ zum „Mohr im Hemd“. Der cordobakranke Alpinfußball wird über die Pisten der „klassenlosen Volkskrankheit“ Skisport gekickt. Die pathologische Todessehnsucht kontrastiert die „Klappen“-Kultur kakanischen Telefonierens. Da ist das „Sonderliche“ als das Allgemeine nicht weit weg von der „originären Kulturleistung der Schlamperei“. Die krönt sich mit „Vergessen“, heißt Hitlerismus, dessen Urheber eh „ein Deutscher“ ist, dafür Ludwig van ein Ösi. Überhaupt diese Nachbarn! Die können in Wirklichkeit doch alles besser in ihrem hochdeutschen Mercedes, mit dem peinlichen Peymann – nicht nur von Pluhar-Proksch, dem „Prinzip Privileg der sozialistischen Aristokratie“, bekämpft, geschieden von André, dem „Großmeister des Peinlichen“.

Die bedenkliche, die liebevolle Musterung des Personals im Landeshaushalt, die Diagnose des einheimischen Wohl- und Krankenzustands, die distanzierte Draufsicht auf alle Heimat des Schriftstellers, Ironie, Witz, Bitternis – so klar, klug, elegant, frech er formuliert, fällt es Heinrich Steinfest doch nicht leicht, sich in die Schönbrunner Spiegelwelt schauen zu lassen.

Der Piefke, der bei Passau gerade die Grenze passiert und dort von ihm abgeholt wird, spürt beim Studieren seiner „Gebrauchsanweisung“ sofort, dass dieser Eingeborene immer wieder kippt, kippt ins Eingemachte, dem er, trotz vielfacher Brechung, als Inwendiger rettungslos erlegen ist. Aber, gerade dieses Gebeutelte, diese Risse und Sprünge lehren den Auswendigen das Fürchten in der Lust an diesem Land. Gut so. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2008)

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